Zerstörtes Bild

Diese Fratze starrt auf mich hinab. Wie ein hungriger Löwe beobachtet sie mich, verfolgt meine Schritte und wenn ich einen Fehler mache, ROAR, werde ich in dessen Magenhöhle verschlungen.Einerseits beruhigt mich diese Vorstellung. Endlich frei. Endlich weg von diesem Biest, welches mich nicht loslassen möchte.Allein.Ich sitze in meinem braunen Ledersessel. Mein Blick wandert zum Fenster. Die Scheiben, ja, die hätte ich mal wieder putzen müssen. Einzelne Sonnenstrahlen versuchen sich durch die dicken Wolken zu kämpfen, wie ein Boxer, der im leuchtenden Ring versuchte die Masse zu begeistern. Doch die Masse war nur ich, der Gelangweilte, der, der nur aus Anstand gekommen war. Und diese zerstörte Fratze, die den armen Sonnenboxer versuchte mit spöttischen Blicken zu verunsichern und sie schaffte es auch! Der Boxer wurde unsicher und bekam schmerzhafte Schläge ab. Seine Glieder, nein, sein ganzer Körper pochte und er würde nie vergessen.Dong. Die Uhr schlägt vier Uhr Nachmittag.Die Sonne gibt auf und lässt den Sieg der Dunkelheit, welche mich mit jedem weiteren Ticken zu verschlingen scheint. Du weißt, dass ist alles deine Schuld.Ich stehe vor dem Bild, dass eine hässliche Grimasse zieht, Zähne fletscht und sich lüstern die Lippen leckt. Das Messer, das kleine rote, das vor langer Zeit ein Geschenk, nun aber ein wertloses Objekt ist, fest in meiner Hand umklammert. Ich höre ein Jubeln, ich höre ein dumpfes Knacken, ich höre einen schrillen Ton, der versuchte sich in meinen Kopf zu bohren und sich dort einzunisten, wie eine Ratte.Und gleichzeitig höre ich nichts. Mein Arm bewegte sich von alleine. Mit dem wertlosen Geschenk steche ich auf das Bild ein. Es wirkt, als wenn ich von Außen auf mich selber schaue und dennoch einen Fremden. Nein, mich selber, nur anders. Ich keuche müde lächelnd von meiner Tat. Ich bin frei, weg von der hungrigen Bestie. Das Bild ist zerstört. Doch als ich auf mein Meisterwerk schaue, schaut mich ein Wandgroßes Gebilde an. Ein lebloser Körper mit aufklaffenden Wunden. Der tote Körper baute sich vor mir auf und drohte auf mich zu stürzen, mit der selben Fratze. Die Jubel und das Knacken wurden lauter. Das ist alles deine Schuld! Der Sieger, ja, der große Sieger hättest du sein können! Plötzlich verhallten die Geräusche, als wenn ein Zug an mir vorbeifuhr und sie mitnehmen würde.Dong. Die Uhr schlägt fünf.Ich lasse mich in meinen alten Sessel fallen. Das Bild ist zerstört, das verzerrte Gesicht nur noch eine klaffende Wunde an der Wand. Als ich erschöpft zum Fenster schaue, winken mir kleine Staubflocken zurück, die um die Sonnenstrahlen tänzeln. Ich schließe die Augen und spüre die Hände der hämisch grinsenden Leiche auf meinen Schultern. Die Scheiben, ja, die hätte ich mal wieder putzen müssen.

22.12.17 23:48

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen